Dunkles Kapitel der Jazzgeschichte
Ein Affe in Frack und Zylinder spielt Saxofon und trägt am Revers den Judenstern: Das ebenso drastische wie verstörende Motiv steht sinnbildlich für die Jazzfeindlichkeit der Nationalsozialisten. Das Regime diffamierte die Musik, verbot Swingtänze und verfolgte jüdische Komponisten und Musiker.
Dennoch verstummten Jazz und Swing auch während der Kriegsjahre nicht. Unter dem Ladentisch wurden Werke jüdischer Komponisten und Swingnummern verkauft, in verschiedenen Städten trafen sich Jazzfans in sogenannten Hot Clubs.
Weit weniger bekannt ist, dass die nationalsozialistische Propagandamaschinerie Jazz und Swing gleichzeitig für ihre eigenen Zwecke einsetzte. Während die Musik an der Heimatfront dem traditionalistischen Geschmack Adolf Hitlers und der Nazi-Elite entsprechen musste, erschienen die international populären Rhythmen für die Propaganda im Ausland als idealer Köder.
Jazzstandards mit Propagandatexten
Im Mittelpunkt der neuen Dokumentation von Rainer E. Lotz stehen Aufnahmen bekannter Jazzstandards mit antibritischen und antisemitischen Texten. Sie entstanden im Auftrag von Propagandaminister Joseph Goebbels mit dem Sänger Karl «Charlie» Schwedler und dem Orchester von Lutz Templin, das unter dem Namen «Charlie and His Orchestra» auftrat.
Zwischen 1939 und 1943 liess das Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda fast 250 Schellackplatten im 78er-Format durch den Reichsrundfunk und die Deutsche Grammophon aufnehmen. Die Platten waren für den Postversand sowie ab 1940 für Rundfunkübertragungen in von den Alliierten kontrollierte Gebiete bestimmt.
Die eigens für den Rundfunk produzierten Stücke enthalten mehrheitlich propagandistische Texte in englischer, französischer, deutscher, niederländischer, japanischer und portugiesischer Sprache. Gesungen wurden sie zu bekannten Swing- und Jazzmelodien jener Zeit.
Eingespielt wurden die Aufnahmen von namhaften Jazzmusikern des Lutz-Templin-Orchesters, weshalb darunter auch musikalisch bemerkenswerte Hot-Jazz-Nummern zu finden sind. Ihr historischer und propagandistischer Zusammenhang bleibt jedoch zutiefst verstörend.
162 restaurierte Originalaufnahmen
Die Box veröffentlicht erstmals sämtliche bislang aufgefundenen Propagandaaufnahmen in chronologischer Reihenfolge. Enthalten sind 162 Stücke aus den Jahren 1936 bis 1943. Die historischen Aufnahmen wurden sorgfältig von den Originalschellackplatten restauriert und von Marc Vich in bestmöglicher Audioqualität neu gemastert.
Ergänzt werden die sechs CDs durch ein gebundenes, reich bebildertes Buch mit 240 Seiten. Es dokumentiert die Entstehungsgeschichte der Aufnahmen und porträtiert ihre Urheber.
Sämtliche Texte wurden transkribiert, in ihren historischen Kontext eingeordnet und ausführlich kommentiert. Zahlreiche Fotografien und Illustrationen sowie Abbildungen der Originaletiketten und Notenblattumschläge ergänzen die Dokumentation.
So entsteht ein ebenso aufschlussreiches wie beklemmendes Zeitdokument. Es zeigt, wie das nationalsozialistische Regime eine von ihm bekämpfte Musikrichtung instrumentalisierte, um seine Propaganda im Ausland möglichst wirkungsvoll zu verbreiten.
Rainer E. Lotz: «Nazi Airwaves – Nazi Propaganda on War-Time Swing Records»
Schuber mit gebundenem Buch, 240 farbige Seiten, und sechs CDs mit 162 Titeln
Katalognummer: AMB 72200
ISBN: 978-3-00-087212-9
Erhältlich für CHF 99 bei Starworld Enterprise, Horgen