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Rüti ZH
06.04.2022
06.04.2022 23:54 Uhr

Energieverbund Rüti: «Es gibt keinen Plan B»

Volles Haus im Mehrzweckraum Widacher.
Volles Haus im Mehrzweckraum Widacher. Bild: zvg
Am 6. April 2022 fand im Mehrzweckraum vom Schulhaus Widacher die Informationsveranstaltung über das Projekt "Energieverbund Zentrum Rüti“ statt. Gekommen sind viele. Das Projekt scheint gute Chancen zu haben, am 15. Mai an der Urne angenommen zu werden.

Gemeindepräsident Peter Luginbühl begrüsste die ca. 70 Gäste erfreut und schärzte: «Heute hat es mehr Anwesende als an der letzten Gemeindeversammlung.»

Neben Peter Luginbühl waren auch Gemeinderätin Marie-Therese Büsser, Beat Schüpbach und Daniel Beeler von den Gemeindewerken Rüti und der Geschäftsführer Thomas Wickart von der Andy Wickart Haustechnik AG vor Ort, um über das Vorhaben zu informieren und den Bewohnerinnen und Bewohnern Red und Antwort zu stehen.

Bereit für die Investition

Peter Luginbühl sagte einleitend, dass eine Gemeinde viele Parallelen zu einem Unternehmen habe. Auch eine Gemeinde müsse eine Vision und einen Plan haben. Diese seien u.a. in der Strategie „Rüti leben & gestalten“ definiert, der Energieverbund ein Projekt daraus.

Die Zertifizierung zur „Energiestadt Gold“, die Steigerung der erneuerbaren Energien, die 2000-Watt-Gesellschaft und der Ausstieg aus der fossilen Gasversorgung bis 2050 – all dies gebe es nicht umsonst. «Das kostet Geld.»

Mit Bezug auf den geplanten Energie-Verbund sagte Luginbühl: «Mit 15 Millionen ist das nicht gratis – aber es ist eine Investition in die Zukunft.» Die Gemeinde habe in den letzten Jahren Substanz aufbauen können, um solche Investitionen tätigen zu können und um den Steuerfuss in Richtung unter 120 Prozent zu bringen.

Das Projekt sehe heute anders aus als damals angedacht. Man habe zugehört, Fachexperten hinzugenommen, Knowhow einbezogen und zusätzliche Überlegungen eingebaut.

Rüti in Vorreiter-Rolle

Bei der Präsentation der Details sagte Marie-Therese Büsser einleitend, dass Rüti anderen Gemeinden einen grossen Schritt voraus sei. Während viele heute erst mit einem Energieplan anfangen, sei Rüti bereits am Umsetzen.

Nur darum könne man hier und heute auch den ersten grossen Wärmeverbund präsentieren. Das Volk habe dem Planungskredit zugestimmt, nun sei das Bauprojekt aufgegleist. Sie hätten vieles kritisch hinterfragt und verbessert. «Ich bin auch einbisschen stolz, ein so innovatives, ausgereiftes Projekt präsentieren zu können.»

Versorgungssicherheit in geopolitisch unsicheren Zeiten

Die weltpolitische Lage sei heute eine andere – damals hatte man den Verzicht auf fossiles Gas und Öl bis 2050 vor allem aus Klimaschutz-Gründen angestrebt. Heute sei aber auch die Versorgungssicherheit von zentraler Bedeutung, um nicht abhängig zu sein. Auch das spreche für einen Energieverbund wie den geplanten.

Neues Energiegesetz zwingt zum Handeln

Mit dem kantonalen Energiegesetz, das im November 2021 angenommen wurde, wird der Handlungsbedarf noch klarer. Denn die Wärmeversorgung muss bei einem Ersatz mit erneuerbaren Energien erfolgen. Der Gemeinderat habe sich rechtzeitig auf diese Verschärfungen eingestellt.

Marie-Therese Büsser stellte das Projekt im Detail vor. Bild: Barbara Tudor

Warum Wärmeverbunde?

Wärmeverbunde sind nichts Neues, und mit einem entsprechenden Verbund wäre Rüti auch nicht alleine, wie eine Grafik zeigt. In der Schweiz gibt es bereits über 1‘000 Wärmenetze, deren Leistung sich seit 2010 verdoppelt haben, so Büsser. Im Kanton Zürich gibt es aktuell 102 Wärmenetze, 11 davon auch mit ARA-Abwärme.

Ein weiteres Argument, das für einen Wärmeverbund spreche, seien die energieplanerischen Vorgaben vom Kanton, sagt Büsser. Diese verpflichten die Gemeinden, dafür zu sorgen, dass sämtliche lokalen und regionalen Wärmequellen genutzt werden. Nur Wärmeverbunde können das Potenzial voll nutzen, so Büsser. In Rüti beispielsweise durch die Abwärme des Krematoriums und der ARA.

Der Wärmeverbund könne 82% erneuerbare Energie liefern, nur 18% wären noch nicht erneuerbar. Diese will man aber später durch Biogas oder synthetisches Gas ersetzen.

«Klimaschutz wird nie gratis sein.»
Marie-Therese Büsser, Gemeinderätin

150 Liegenschaften könnten versorgt werden

Mit dem vorliegenden Projekt könnten 150 Liegenschaften – darunter 14 öffentliche Gebäude – im Zentrum von Rüti ZH versorgt und 2‘000 Tonnen Co2 pro Jahr eingespart werden. Man rechnet mit einer Abdeckung von 60 – 70% vom Gesamtpotenzial, was im Schweizer Durchschnitt liege. Es würden nie alle dem Verbund beitreten, so Beeler.

Die grosse Mehrheit seien grössere Wohnbauten sowie Gewerbebauten, führte Büsser weiter aus. Und das Interesse in der Bevölkerung sei heute schon gross. Es gebe bereits Kunden, die sich melden und fragen, wann sie sich an den Verbund anschliessen können.

Sollte das Stimmvolk am 15. Mai Ja sagen, würde der Baustart Anfang 2023 beginnen und die ersten Anschlüsse könnten gegen Ende 2024 erfolgen.

24/7 und mehr Platz

Die Vorteile des Wärmeverbundes sind gemäss Büsser die fairen Konditionen, welche im Mittelfeld im Vergleich mit anderen Gemeinden liegen, das ähnliche Tarifmodell, der 24/7 Service und nicht zuletzt auch die Platzersparnisse im Gebäude, weil die Wärmeübergabe-Station klein ist. Auch die Fördergelder, welche vom Kanton bezahlt werden, dürften für die Immobilienbesitzer interessant sein. Und: Die Unabhängigkeit von internationalen Ressourcen.

Grosse Investition am Anfang

15 Millionen sind ein grosser Posten. Doch das sei in der Finanzplanung bereits berücksichtigt und stemmbar, so Büsser. Das Geld werde am richtigen Ort und kosteneffizient eingesetzt. Peter Luginbühl ergänzte, dass die RPK das Vorhaben genau geprüft habe und dahinter stehe.

«Bin völlig Fan davon»

Zum Schluss der Info-Veranstaltung konnten die Anwesenden ihre Fragen stellen. Die erste Wortmeldung eines Herren war kurz und klar: «Ich bin Fan davon und werde mich anschliessen».

Auf die Frage, ob man denn einen Plan B habe, falls das Projekt am 15. Mai abgelehnt würde, antwortete Luginbühl geradeheraus: «Es gibt keinen Plan B». Büsser ergänzte, dass man dann zurück zu Einzellösungen müsste mit einem kleineren Netz, dann aber wohl ohne ARA.

Eine Person fragte, ob auch Liegenschaften aufgenommen werden, die aktuell nicht in dem Plan eingezeichnet sind. Darauf antwortete Beeler, dass man den Verbund erweitern könne, sich aber in der Anfangsphase auf das Zentrum und vor allem auf grössere Bauten konzentrieren wolle.

Identifikation durch Beteiligung

Ein Herr, der eben erst nach Rüti gezogen ist, sagte, dass er das Konzept gut finde und man der Gemeinde ein «Chränzli winden» müsse. Er stellte ergänzend die Frage, ob mit einer Beteiligungsmöglichkeit der Bevölkerung eine höhere Identifikation mit dem Wärmeverbund geschaffen werden könne. Den Input wolle man mitnehmen, sagte Luginbühl.

Reserve für Unvorhergesehenes

Eine Person wollte wissen, ob in dem Budget von 15 Mio. auch eine Reserve für höhere Rohstoff-Preise wie etwa für die vielen Leitungen einberechnet sei. Daniel Beeler antwortete, dass nicht explizit dafür eine Reserve einberechnet sei, in dem Gesamtbetrag aber eine Reserve von den üblichen 10% für Unvorhergesehenes einkalkuliert sei.

Minutenlanger Monolog

Nur ein Anwesender kritisierte an dem Abend die Arbeit der Gemeinde offen und führte in einem minutenlangen Monolog seine Bedenken aus. Er kritisierte, dass man schon das erste Projekt als das beste verkaufte. Nun sei das aktuelle das Beste. Er könne nicht verstehen, warum man jetzt etwas durchzwingen wolle, wo doch die Energie massive Entwicklungen mache.

Projekt scheint gute Chancen zu haben

Die Fragen, die an dem Abend gestellt wurden, waren vielseitig und dem Projekt mehrheitlich positiv zugewandt. Es scheint gute Chancen zu haben.

Barbara Tudor
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