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Grüningen
06.09.2021
07.09.2021 19:33 Uhr

Von der Wander- und Frauenlust

Die Kräuterfrau findet die Beziehung der beiden Frauen des Teufels. Bild: Martina Gradmann
In Grüningen ist das Historische Wandertheater auf Tour. Beim Pilgern, Spazieren, Singen, Hören und Sehen erfährt man Spannendes aus der Grüninger Geschichte. So zum Beispiel über die «anstössige» Frauenbeziehung der Anna Beugger.

Die Wanderung beginnt auf dem Tannsberg oberhalb von Grüningen mit Sicht auf Berge und das historische Stedtli. Neben den Historischen Stedtlirundgängen in den Vorjahren, hat kultSichtig dieses Jahr zum Szenischen Wandertheater geladen. Und so werden zum Einstieg fröhliche Wanderlieder von den Musikern Claude Hutter und Markus Landolt gesungen. Gemeindepräsident alias Matthias Flöscher begrüsst alle zum fröhlichen Erntedankfest, und von den Schauspielenden werden die wunderbaren Produkte wie Honig, Rebensaft, Eier und die Würste gelobt. Auch der Pfarrer hält eine Ansprache und dankt dem Landvogt für die grosszügige Tirggel-Spende. Doch dann tauchen Anna Beugger und ihre Lebensgefährtin Barbara Honegger auf.

Eine Frau lässt sich nicht beugen

Anna Beugger ist eine historische Figur, die im 17. Jahrhundert in Grüningen von der Weberei lebte und im Stedtli ein gewisses Ansehen genoss. Sie war es, die der von ihrem Mann verlassenen Barbara Honegger Arbeit gab und ihr das Weben beibrachte.

Neben der Arbeit seien die beiden sich auch menschlich näher gekommen, beschreibt es Markus Brühlmeier in der Grüninger Chronik. Das Verhältnis sei jedoch nicht lange geheim geblieben und bot Raum für Spekulationen und Gerüchte. 1672 wurden die beiden Frauen vom Stillstand, dem damaligen Sittengericht, aufgeboten und über ihre sexuelle Beziehung ausgefragt. Die Antworten liessen dem damaligen Pfarrer keine Zweifel, und der Fall musste durch das Ehegericht in Zürich beurteilt werden. 

«Die waren doch vor dem Ehegericht», tuscheln die Schauspieler, «wieso sind die denn jetzt nicht eingesperrt?» Tatsächlich wurde den beiden Frauen in Zürich «nur» ein Busgeld auferlegt, weil man damals die gleichgeschlechtliche Liebe bei Frauen wohl weniger ernst nahm als bei Männern, denen bei ähnlichen Fällen harte Strafen und Folter drohten. 

«Unser Verhältnis geht niemanden etwas an. Wir tun nichts Böses, wir haben uns einfach gerne.»
Anna Beugger alias Debora Frei

Das Getuschel unter den Schauspielenden geht weiter, auch als man in den Wald spaziert. Dort kommt eine Kräuterfrau alias Claudia Frei, die man damals wohl als Hexe bezeichnet hätte, aus dem Unterholz und beginnt zu zetern, was sie von den beiden Frauen hält. «Die Grüninger werden euch das Leben zur Hölle machen, der Teufel hat euch verflucht.» Doch sie hat auch gleich einen Rat für die beiden: Brennesselsaft befreie von Frauengelüsten.

«Brennesselsaft befreit von Frauengelüsten.»
Kräuterfrau alias Claudia Frei

Während die Gruppe weiterzieht, erzählt die Kräuterfrau den Zuschauenden, welche Kräuter bei welchen Leiden helfen und berichtet Wissenswertes und Unbekanntes aus vergangenen Zeiten. Wandernd und teilweise fahrend auf dem Planwagen erreicht die Gruppe schliesslich den Herrenbaumgarten, wo nochmals fröhlich getanzt wird. Doch erneut führt der Auftritt von Anna Beugger und Barbara Honegger zu Unstimmigkeiten und Anpöbeleien, bis sich schliesslich der Pfarrer einmischt und versucht, die Gemüter zu beruhigen. 

Debora Frei und Michael Schwyter, die Autoren des Historische Wandertheaters, haben sich in ihrem Text erstaunlich getreu an die Ereignisse von damals gehalten. So musste Anna Beugger 1679 erneut vor dem Stillstand antreten, der Ehegaumer drohte ihr mit einer Anklage. Beugger soll diesem jedoch zur Antwort gegeben haben, dass ihr Verhältnis zur Honeggerin den Stillstand nichts angehe. Auch die Androhung des Vogtes, sie in den Turm zu sperren, schüchterte Anna Beugger nicht ein. Nur dank ihres einflussreichen Bruders musste sie dort nur einen Tag verbringen. Auch der Pfarrer drohte, war letztendlich aber froh, als Barbara Honegger Grüningen mit unbekanntem Ziel verliess. 

Das Historische Wandertheater beleuchtet ein Thema, dass durch die LGBTQ-Bewegung neue Aktualität erhält und einen spannenden Einblick in die Geschichte des Stedtli Grüningen zeigt. 

Gespielt wird nochmals am Samstag, 11. September und am Sonntag, 12. September (ausgebucht), jeweils um 14 Uhr auf dem Tannsberg. Anmeldungen unter kultsichtig.ch oder auf der Gemeindeverwaltung Grüningen. 

 

  • Auf dem Tannsberg werden fröhliche Wanderlieder gesungen. Bild: Martina Gradmann
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  • Die Musiker Markus Landolt und Claude Hunter animieren zum Mitsingen. Bild: Martina Gradmann
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  • Auf dem Herrenbaumgarten wird getanzt. Bild: Martina Gradmann
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  • Anna Beugger und Barbara Honegger werden angemacht, der Pfarrer muss eingreifen. Bild: Martina Gradmann
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  • Nicht glücklich über die Frauenbeziehung ist auch der Landvogt. Bild: Martina Gradmann
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Martina Gradmann