Home Region Sport Magazin In-/Ausland Agenda
Bubikon
05.06.2021
05.06.2021 19:50 Uhr

SBB-Serviceanlage Bubikon: «Das betroffene Gebiet ist gigantisch»

Durch die SBB Servicegleisanlage würden wertvolle Obstbäume vernichtet. Ein Irrsinn, finden Daniel Rohr und Nicole Fritschi. Bild: Martina Gradmann
Daniel Rohr ist Schauspieler und leitet erfolgreich das Theater Rigiblick in Zürich. Eigentlich engagiert er sich kaum politisch, doch er wohnt in Bubikon und hat sich jetzt der IG Pro Brach Fuchsbühl angeschlossen. Auf einem Spaziergang erzählt er, weshalb.

Was die SBB in Bubikon plant, ist riesig: 10 Abstellgleise mit einer Gesamtlänge von 4,4 Kilometern und eine Service-Halle von 150 Meter Länge, sollen auf 80'000 Quadratmetern Kulturland gebaut werden. Widerstand regt sich nicht nur von Direktbetroffenen. Ein Augenschein auf dem 20 Fussballfelder grossen Landstück zeigt, warum.

Begehung vor Ort

Begleitet werden wir auf unserer Begehung von Nicole Fritschi, Koordinatorin der IG Pro Brach Fuchsbühl, die sich intensiv für den Erhalt von Natur, Kulturland und Existenzgrundlagen einsetzt, und Daniel Rohr, Schauspieler und Leiter des Theaters Rigiblick, der seit einigen Jahren in Bubikon wohnt. «Das betroffene Gebiet ist gigantisch», betont Rohr und zeigt auf den Hügel hinunter bis zu einem kleinen Bachlauf. Wir laufen durch eine Wiese und folgen dem einspurigen S-Bahn-Gleis auf einem Weg, der auf der anderen Seite von einer grossen, durchmischten Hecke begrenzt wird. «Solche Hecken bieten Vögeln und Insekten Unterschlupf und sind enorm wertvoll für unser Ökosystem», weiss Fritschi. «Das würde alles vernichtet», sagt sie betroffen.

Biotop würde weggesprengt

Entlang eines Wäldchens mit alten Eichenbäumen, steigt das Gelände auf eine Ebene mit Obstbäumen an, wo biologisch-dynamisches Gemüse und Obst angebaut wird. Weiter vorne zeigt sich ein Gebiet mit Waldried und Weiher. Es ist eine Gewässerschutzzone, auf der die Trinkwasserfassung der Gemeinde Bubikon steht. «Der ganze Hügel müsste weggesprengt und ausnivelliert werden», weiss Rohr. «Was für ein riesen Irrsinn». Fritschi ergänzt: «Es ist ein Wildwechsel und ein Biotop für Wildbienen und geschützte Fledermaus- und Amphibienarten.» Doch nicht nur Tiere, auch Menschen würden ihre Lebensgrundlage verlieren. Vier Landwirte würden enteignet, zwei müssten ihren Betrieb ganz aufgeben, so Fritschi.

Kulturland ginge verloren

Doch es sind noch andere Überlegungen, welche die beiden am SBB-Vorhaben zweifeln lassen. «Corona hat alles verändert. Viele Menschen werden auch in Zukunft von zuhause aus arbeiten. Die Passagierzahl-Studien der SBB sind nicht mehr aktuell», ist Rohr überzeugt. «So ein Projekt an diesem Standort ist ein Wahnsinn und wurde nicht seriös geplant. Dieses ganze Kulturland und damit unsere Nahrungsgrundlagen würde damit unwiederbringlich verloren gehen.»

  • Bild: Martina Gradmann
    1 / 4
  • Bild: Martina Gradmann
    2 / 4
  • Bild: Martina Gradmann
    3 / 4
  • In Bubikon soll eine gigantische SBB-Serviceanlage entstehen. Bild: IG Pro Brach Fuchsbühl
    4 / 4
«Während die SBB in Zürich massenhaft Gleisanlagen abreisst und Immobilien darauf baut, werden hier Bauern enteignet.»
Nicole Fritschi

Homeoffice hat sich auf die Passagierzahlen ausgewirkt

Dass die Homeoffice-Pflicht zu einem Rückgang im Regionalverkehrt geführt hat, bestätigt auch die SBB-Medienstelle. «Prognosen hierzu wären unseriös, die Entwicklung der Home Office-Gewohnheiten ist schwierig abschätzbar. Es wird sicherlich eine gewisse Zeit brauchen, bis die Passagierzahlen wieder das Vorkrisen-Niveau erreicht haben», sagt SBB-Mediensprecherin Jeaninne Egi.

Rohr überzeugt das nicht. Er, der mit seiner Lebenspartnerin sein Bauernhaus in Bubikon liebevoll renoviert hat, ist kein Direktbetroffener, aber ein grosser Naturliebhaber und engagierter Naturschützer. Schon als Jugendlicher habe er mit dem Velo und den Pfadfinderkollegen das Zürcher Oberland erkundet und sei dieser Drumlinlandschaft sehr verbunden. «Fruchtbarer Boden ist unsere Lebensgrundlage und darf nicht geopfert werden», ist er und auch Fritschi überzeugt, die im Weiler Brach aufgewachsen ist und wo ihre Grosseltern heute noch leben. Es sei ein Widerspruch, dass sich der Kanton einerseits um den Naturschutz bemühe und auf der anderen Seite Natur für Industriebauten zerstören wolle. «Während die SBB in Zürich massenhaft Gleisanlagen abreisst und Immobilien darauf baut, werden hier Bauern enteignet.» Man habe es wohl auf billiges Landwirtschaftsland abgesehen, um damit teuren städtischen Grund freizuschaufeln.

SBB weist Kritik zurück

Die Kritik, dass die SBB Gleisanlagen in Städten zweckentfremde, um sie kommerziell zu nutzen, sei objektiv betrachtet nicht haltbar, sagt dazu die Mediensprecherin. «Bei sämtlichen Arealentwicklungen von SBB Immobilien handelt es sich um Flächen, für welche bahnbetrieblich in Zukunft keine Nutzungsmöglichkeiten mehr vorhanden sind», erläutert Egi. Bestehende Bahnanlagen im Knoten Zürich, wie die riesige Fläche der Abstell- und Serviceanlage Zürich-Herdern, seien bereits erweitert und umgenutzt worden. Doch Fritschi empfindet es als stossend, dass man keinerlei Standorte auf bereits versiegeltem Boden geprüft habe. Wie man dem ständigen Wachstum fruchtbares Kulturland und ein Naherholungsgebiet opfern kann, können weder Fritschi noch Rohr verstehen.

Wir durchqueren einen Bauernhof mit grasenden Islandponys, spazieren an einem Waldstück entlang und erreichen den Parkplatz des Züriwerks. «Eine solch gigantische Industrieanlage mit Tag- und Nacht-Betrieb, Lärm-, Licht- und Feinstaub-Emissionen und einer Zulaufstrecke durch die national geschützte Moorlandschaft wäre eine unzumutbare Mehrbelastung für die Natur und für die über 200 Anwohnerinnen und Anwohner», betonen beide. Deshalb wolle man mit allen Mitteln dagegen kämpfen.

Weitere Informationen: www.brach-fuchsbuehl.ch, www.bubikon.ch, www.sbb.ch

Martina Gradmann