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Natur & Umwelt
16.08.2026
10.08.2026 16:13 Uhr

RNA-Sprays: Fluch oder Segen?

Wird der Kartoffelkäfer (Leptinotarsa decemlineata) bald durch RNA-Sprays gezielt bekämpft?
Wird der Kartoffelkäfer (Leptinotarsa decemlineata) bald durch RNA-Sprays gezielt bekämpft? Bild: naturschutz.ch / Pexels, Erik Karits
RNA-Sprays sollen Schädlinge gezielt bekämpfen und dabei weniger problematisch sein als herkömmliche Pestizide. Doch die neue Technologie wirft auch Fragen zu Risiken und Regulierung auf.

RNA ist für praktisch alles Leben von zentraler Bedeutung. Sie überträgt unter anderem genetische Informationen aus der DNA und ermöglicht damit die Herstellung von Proteinen. Genau diese Funktion wollen sich neuartige Pflanzenschutzmittel zunutze machen: Sogenannte RNA-Sprays sollen gezielt lebenswichtige Prozesse in Schädlingen ausschalten.

Schädlinge auf genetischer Ebene bekämpfen

Grundlage der Technologie ist die RNA-Interferenz (RNAi), ein natürlicher Mechanismus, mit dem sich zahlreiche Organismen unter anderem gegen Viren schützen. Dabei erkennt die Zelle doppelsträngige RNA, zerlegt sie und nutzt Teile davon gewissermassen als Suchvorlage. RNA mit einer passenden Sequenz wird anschliessend zerstört.

RNA-Sprays enthalten gezielt hergestellte doppelsträngige RNA. Nimmt ein Schädling diese auf, kann dadurch die RNA eines bestimmten eigenen Gens ausgeschaltet werden. Fehlt in der Folge ein lebenswichtiges Protein, stirbt das Tier.

Der grosse Vorteil: Anders als viele konventionelle Pestizide könnten RNA-Sprays sehr spezifisch gegen einzelne Schädlinge wirken und andere Arten verschonen. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass die verwendete RNA-Sequenz tatsächlich nur die gewünschte Zielart trifft.

Kartoffelkäfer als Ziel

Ein Beispiel ist das von GreenLight Biosciences entwickelte Mittel Calantha. Es richtet sich gegen den Kartoffelkäfer. Frisst dieser behandelte Blätter, nimmt er die RNA auf. Dadurch wird die Bildung eines Proteins gestört, das für den Abbau beschädigter oder nicht mehr benötigter Proteine in den Zellen wichtig ist. Die Folge: Der Käfer stirbt.

In den USA ist das Mittel seit 2023 zugelassen. Im Mai 2026 erteilte Belgien als erstes europäisches Land eine zeitlich begrenzte Notfallzulassung.

Die Technologie ist jedoch umstritten. Kritisiert wird unter anderem, dass mögliche Auswirkungen auf Nichtzielorganismen noch nicht ausreichend untersucht seien. Auch zur Verweildauer der Mittel in Boden und Wasser bestehen offene Fragen. Hinzu kommen Hilfsstoffe, die beispielsweise die RNA stabilisieren. Welche Folgen diese Stoffe für Umwelt und Gesundheit haben können, ist teilweise noch wenig erforscht.

 

Drei Versprechen auf dem Prüfstand

Befürworter sehen in RNA-Sprays die Chance auf einen gezielteren und umweltschonenderen Pflanzenschutz. Drei Punkte stehen dabei im Zentrum: hohe Spezifität, geringe Resistenzbildung und geringe Umweltbelastung.

Bei allen drei bestehen allerdings Unsicherheiten. Ähnliche RNA-Sequenzen können auch bei anderen Organismen vorkommen, weshalb unerwünschte Wirkungen auf Nichtzielarten nicht ausgeschlossen sind. Laborversuche mit Kartoffelkäfern deuten zudem darauf hin, dass sich Resistenzen gegen RNA-Wirkstoffe entwickeln können.

Auch die Umweltverträglichkeit lässt sich nicht allein mit der vergleichsweise schnellen Abbaubarkeit von RNA begründen. Damit RNA-Sprays ausreichend lange wirksam bleiben, können zusätzliche Stoffe nötig sein, die den Abbau verzögern.

Auch für die Schweiz ein Thema

Noch werden RNA-Sprays nur in wenigen Ländern eingesetzt. Künftig könnten solche Mittel jedoch auch für die Schweiz relevant werden. Entscheidend wird sein, welche Anforderungen bei einer Zulassung an den Nachweis der Wirksamkeit sowie an Umwelt- und Gesundheitsrisiken gestellt werden.

RNA-Sprays eröffnen damit neue Möglichkeiten im Pflanzenschutz. Ob sie tatsächlich eine nachhaltigere Alternative zu konventionellen Pestiziden darstellen, lässt sich aufgrund der noch jungen Technologie und bestehender Wissenslücken derzeit aber nicht abschliessend beurteilen.

Dieser Beitrag basiert auf einem Text von Jonas Wiget für den Verein ohneGift und wurde redaktionell bearbeitet. Quelle: naturschutz.ch.

Zürioberland24/bt
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