«Ich mache heute Selfcare», sagt die Dame auf Instagram und zündet eine Duftkerze an. Mit Gesichtsmaske, Serienabend, Cappuccino im Bett. Unter dem Hashtag #selfcare millionenfach gepostet. Als wären kleine Pausen das neue Heilmittel für unsere überlastete Gesellschaft. Das Paradoxe: Die Menschen wirken müder oder gestresster denn je.
Deshalb hinterfrage ich: Ist Selfcare zum Codewort einer erschöpften Kultur geworden, die sich stetig präsentieren will und vieles doch nur zum Schein macht, sogar das Entspannen? Ausgerechnet in einer Zeit, in der Burnout zum Massenphänomen geworden ist, verkaufen sich Badezusätze als gesellschaftliche Lösung für Gestresstheit. Körper und Geist senden Warnsignale – und bekommen stattdessen ein Eukalyptus-Peeling.
Was ursprünglich als Akt gedacht war, sich selbst ernst zu nehmen, für sich einzustehen, Nein zu sagen, ist zur weichgespülten Lifestyle-Geste verkommen. Statt echter Fürsorge gibt es symbolische Rituale. Statt Infragestellung von Strukturen gibt es Kaufempfehlungen.
Denn – sind wir ehrlich – echte Erholung ist unbequem. Sie bedeutet Zeit, Raum, nicht erreichbar sein. Verpflichtungen absagen, Grenzen ziehen. Auch dort, wo es aneckt. Und vor allem sollten wir uns nicht als Ressource betrachten, die wiederhergestellt werden muss, um zu funktionieren. Wir sollten heilen, was in Mitleidenschaft geraten ist. Mit echten Absichten. Doch genau das fällt schwer in einer Kultur, in der Selbstfürsorge nicht mehr dem Selbstzweck dient, sondern ein Mittel zur Leistungssteigerung ist. Auch ich habe meine Mühe. Abschalten und Entspannen auf Knopfdruck gelingt mir nicht oft. Scheitere ich deshalb doppelt? Als erschöpfter Mensch und schlechte Selfcare-Performerin?
Vielleicht müssen wir den Begriff wieder mit mehr Inhalt füllen. Uns fragen, was wir wirklich brauchen – nicht, was sich gut anhört oder noch schlimmer, was sich gut verkauft. Und vielleicht sollten wir aufhören, Erholung ständig zu zeigen. Denn wer wirklich loslässt, denkt dabei nicht an sein Smartphone. Selfcare beginnt dort, wo man aufhört, zu posten. Oder anders gesagt: Erholung heisst auch, niemandem mehr etwas beweisen zu müssen. Nicht einmal sich selbst.