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21.11.2022
21.11.2022 11:30 Uhr

Sepp Blatter: Einseitige Eröffnung und irrwitzige Rede

Joseph S. Blatter: «Die Rede des Fifa-Präsidenten war ein klassisches Eigentor.» Bild: Linth24
Ecuador spielt die katarische Nationalmannschaft an die Wand. Und Gianni Infantino hält eine bizarre Ansprache. Von Sepp Blatter

Es ist gut, dass in Katar endlich Fussball gespielt wird. So bleibt die Hoffnung, dass die negativen Kommentare und die laute Kritik am Austragungsort allmählich in den Hintergrund rücken.

Der Auftritt der katarischen Mannschaft gegen Ecuador machte aber deutlich, dass es für das Heimteam in den kommenden Tagen sehr schwer wird. In den weiteren Gruppenspielen gegen Senegal und die Niederlande geht es wohl vor allem darum, nicht zu sehr unter die Räder zu kommen. Dass im riesigen al-Bayt-Stadion viele Plätze leer blieben, deutete nicht auf die ganze grosse Fussball-Euphorie am Persischen Golf hin.

Und noch etwas anderes spricht für eine eher langatmige WM: Die Schiedsrichter sind angewiesen, jede Sekunde nachspielen zu lassen. So dauerte die erste Partie 100 Minuten – zu lange!

Nummer 44 setzt starkes Zeichen

Dagegen hat Ecuador, die Nummer 44 des Fifa-Rankings, ein starkes Zeichen gesetzt und angedeutet, dass mit den Mannschaften aus Südamerika an der ersten Winter-WM der Fussball-Geschichte zu rechnen ist. Vor allem Enner Valencia, der Topscorer der türkischen «Süper Lig», legte eine beeindruckende Talentprobe ab. Er traf in der 16. Minute vom Penaltypunkt und in der 31. Minuten mit einem wuchtigen Kopfball. Schon nach drei Minuten hatte er sein Team in Führung gebracht, doch der Video-Schiedsrichter entdeckte nachträglich eine Abseitsposition.

Gianni Infantinos Moralpredigt

Dennoch: Ecuador war in allen Belangen besser. Und Katar schien vom Tempo und der Wucht der Gäste überfordert. Wesentlich denkwürdiger als die Leistung des Heimteams war der Auftritt des Fifa-Präsidenten Gianni Infantino rund 24 Stunden zuvor – wenn auch nicht in beabsichtigter und gewünschter Weise.

In einem einstündigen Monolog, der eigentlich eine Moralpredigt war, prangerte Infantino alle Kritiker an der WM an und geisselte vor allem den Westen für dessen einseitige Sichtweise und den «Rassismus» gegenüber der arabischen Welt: «Für das, was wir Europäer in den vergangenen 3000 Jahren getan haben, sollten wir uns für die nächsten 3000 Jahre entschuldigen, bevor wir anfangen, den Menschen moralische Lektionen zu erteilen.»

Infantino hat die Distanz verloren

Es war eine Verteidigungsrede für das Veranstalterland, die schon lange gehegte Bedenken bestätigten: Infantino, der seit rund einem Jahr in Doha wohnt, hat jegliche Distanz zu Katar verloren. Dabei müsste er – quasi als oberster Schirmherr – eine Kontrollfunktion ausüben und nicht in die operativen Geschäfte eingreifen.

«Irrwitzig und bizarr»

Die internationalen Medien stuften seinen Auftritt zwischen «irrwitzig» und «bizarr» ein. Und ich muss mich diesen Voten anschliessen. Eines Fifa-Präsidenten war diese Rede schlichtweg unwürdig. Zu Beginn des wichtigsten Anlasses im Fussball-Kalender wäre etwas Staatsmännisches angebracht gewesen.

Im Versuch, sich mit geächteten Bevölkerungsgruppen zu solidarisieren, dürfte Infantino letztlich genau bei jenen Menschen auf Unverständnis stossen, die er zu schützen vorgibt.

Ein klassisches Eigentor

Jeder und jede sei in Katar «herzlich willkommen»: Wenn jemand was anderes sage, sei dies nicht die Haltung des Landes – und nicht die Haltung der Fifa, so Infantino. Was aber müssen jene Menschen denken, die wirklich vom Bann der Katari betroffen sind?

Ob Gianni Infantino diese Worte wirklich ernst meinte, bleibt sein Geheimnis. Ob ihm jemand zu dieser Rede geraten hat (oder ob er sie aus Eigeninitiative hielt), dürfte die Kommunikationsabteilung der Fifa noch beschäftigen. Was aber glasklar ist: Die Rede des Fifa-Präsidenten vor dem WM-Start war das, was jede Mannschaft in den nächsten Wochen unbedingt verhindern will – ein klassisches Eigentor.

Sepp Blatter