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Gossau ZH
11.02.2022
15.02.2022 09:33 Uhr

Jährlich 3‘300 Tonnen Foodwaste alleine in Gossau ZH

Viel zu viele Lebensmittel landen im Abfall, wohl auch in Gossau ZH. (Symbolbild) Bild: Adobe Stock
In der Schweiz fallen gemäss Bundesamt für Statistik jährlich 2,8 Millionen Tonnen Lebensmittelverluste an. Das entspricht 330 Kilogramm pro Person und Jahr. Heruntergebrochen auf die Gemeinde Gossau ZH sind das 3‘300 Tonnen im Jahr.

Den grössten Anteil an den Verlusten machen laut Statistik mit 40 % die Endkonsumenten aus, gefolgt von der Verarbeitung (30 %), der Gastronomie (12 %) und der Landwirtschaft (11 %). Wie sieht das zum Beispiel in Gossau ZH aus? Was tun die Betriebe diesbezüglich und wie können die Gossauerinnen und Gossauer aktiv etwas gegen die Verschwendung tun?

«Wir wollen kein Foodwaste»

Viele denken, dass die Grossverteiler die grossen «Foodwaste-Sünder» seien und dort Berge von Lebensmitteln in der Tonne landen. Doch dem ist offenbar nicht so. Bei der Migros gehen auf Anfrage 98,6% der Lebensmittel an Menschen oder wird in den Migros-eigenen Betrieben verwertet.

Das effektiv Übriggebliebene werde den Mitarbeitenden stark reduziert oder kostenlos abgegeben – oder zu Tierfutter verwertet bzw. als Biogas für die eigene LKW-Flotte verwendet. «Wir wollen kein Foodwaste», sagt Patrick Stöpper vom Migros-Genossenschafts-Bund. Denn auch sie hätten ja für die Lebensmittel bezahlt und darum kein Interesse daran, diese wegzuschmeissen.

Auch Denner stellt in diesem Zusammenhang klar: «Als Lebensmittelhändler haben wir absolut kein Interesse daran, Produkte, die wir bereits bezahlt haben, entsorgen zu müssen», sagt Denner-Sprecher Thomas Kaderli auf Anfrage. Darum arbeite man nicht nur in den Läden, sondern entlang der gesamten Lieferkette seit Jahren intensiv an der Reduktion von Foodwaste.

«Als Lebensmittelhändler haben wir absolut kein Interesse daran, Produkte, die wir bereits bezahlt haben, entsorgen zu müssen.»
Thomas Kaderli, Denner-Mediensprecher

Präziser Einkauf möglich

Dank Digitalisierung und entsprechenden Daten, Erfahrungswerten und Algorithmen, können die Grossverteiler heute sehr präzise einkaufen. Zudem haben vermeintlich kleine Massnahmen eine grosse Wirkung: So hat Denner bei den Deklarationen ihrer Eigenmarken von «zu verbrauchen bis» auf «Mindesthaltbarkeit» gewechselt.

Auch das Aufbacken vor Ort in den Filialen trage zu einer tieferen Foodwaste-Rate bei, weil so flexibler auf die Nachfrage reagiert werden könne. Dank verschiedenen Massnahmen habe man bei Denner die Foodwaste-Quote gemäss neuesten Erhebungen auf knapp 1 Prozent senken können.

Coop scheint bezüglich Foodwaste-Quote Spitzenreiterin zu sein. Gemäss Coop-Mediensprecher Kevin Blättler werden nur etwa 0,2% der  Lebensmittel weggeworfen.

Bestellung von Kleinstmengen

Bei Volg setzt man u.a. auf die tägliche Belieferung der Läden und auf die Möglichkeit, auch Kleinstmengen zu bestellen. «Viele Artikel kann man sogar stückweise bestellen», sagt Luana Covre von der Volg Konsumwaren AG. Überdies werde rechtzeitig vor Erreichen des Mindesthaltbarkeitsdatums die Ware in den Läden um bis zu 50 % reduziert.

«Es sind schon lange nicht mehr die ‹Schnäpplijäger›, die solche Produkte kaufen. Heute kaufen viele sie mit Stolz, weil sie damit aktiv einen Beitrag gegen Foodwaste leisten können.»
Stephan Ryffel, Geschäftsführer der Landi Bachtel

Sensibilisierung der Kunden

Die Sensibilisierung der Konsument:innen spielt eine wichtige Rolle. Viele Händler verwenden Aufkleber wie «Verwenden statt Verschwenden», «Rette mich» oder «save food, fight waste». Landi Bachtel-Geschäftsführer Stephan Ryffel dazu: «Es sind schon lange nicht mehr die ‹Schnäpplijäger›, die solche Produkte kaufen. Heute kaufen viele sie mit Stolz, weil sie damit aktiv einen Beitrag gegen Foodwaste leisten können.»

Abgabe an Organisationen und via App

Bleibt doch etwas übrig, geben die Händler die Lebensmittel an unterschiedliche Organisationen wie «Tischlein deck dich», «Schweizer Tafel» oder die «Partage » in der Westschweiz ab. Auch die App «Too Good To Go» wird von allen aktiv genutzt. Fine Funghi aus Gossau setzt auf die App für Pilze zweiter Wahl oder bei Überbeständen, wobei diese mit ca. 2 kg am Tag sehr gering ausfallen. Zu den Abnehmern ihrer Rüstabfälle oder Pilze zweiter Wahl gehören gemäss Cécile Villiger, Mitglied der Geschäftsleitung bei Fine Funghi, u.a. das Catering «Zum guten Heinrich» oder der Delikatessen-Anbieter «DasPure».

Über die App von Too Good To Go kann man übriggebliebenes Essen von Betrieben preiswert kaufen. Bild: toogoodtogo.ch

Futter für Tiere

Bei der Landi Bachtel kommen auch Landwirte zum Zug. Bei jedem Standort hole ein vordefinierter Landwirt bestimmte Waren ab und bereite diese  dann als Tierfutter gemäss den Vorgaben des Lebensmittelgesetzes für seine Tiere zu.

Kaum Foodwaste in der Gossauer Gastronomie

Erkundigt man sich bei den lokalen Gastronomen und dem Gewerbe, hört man überall das Gleiche: «Bei uns gibt es kein Foodwaste», sagen sie glaubhaft. Man kaufe täglich oder in geringen Mengen ein, damit nichts übrigbleibt – seit Corona sowieso. Gibt’s doch mal was, wird es zum Beispiel in einer feinen Tagessuppe am nächsten Tag verwertet. Andreas Gschwind vom Alpenblick: «Wir achten bewusst auf die Portionen. Wir geben lieber einen Nachschlag als dass wir Teller mit vielen Resten zurücknehmen müssen.»

Christine Thöni von der Wirtschaft zum Strick: «Bleibt etwas auf dem Teller, fragen wir, ob wir’s für sie einpacken dürfen.» Auch bei der Werkstatt6 achtet man sehr darauf, Foodwaste zu vermeiden. Jasmin Grasmück: «Wir haben lieber mal was nicht verfügbar auf der Karte als dass wir Essen wegschmeissen.» Resten würden gratis an die Mitarbeitenden abgegeben.

Akribische Analyse

Beim Alters- und Pflegeheim Rosengarten setzt man u.a. auf die interne Kommunikation und auf die laufende Analyse von Speiseresten. So meldet die Pflegestation der Küche, wenn Bewohnende abwesend sind oder wenig Hunger haben. Alles, was nicht gegessen worden ist und in die Küche zurückkommt, wird abgewogen und erfasst, damit optimiert werden kann, so Heimleiter Andreas Heller. Auch habe man vor längerem die  Bereitstellung von Kaffee und Milch in grossen Thermoskannen eingestellt, weil davon viel zu viel in den Abfluss gegossen worden sei. Heute serviert man den Kaffee auf Wunsch.

«From head to toe»

Stefan Zellweger von der Metzgerei sagt: «Da wir möglichst alles vom Tier verwerten und vorzu produzieren, haben wir äusserst selten etwas vorig. Das essen wir dann am Familientisch oder geben es den Mitarbeitenden.»

Stefan Bürki von der Chäsi Herschmettlen sagt: «Milch ist einer der wertvollsten Rohstoffe. Da wird nichts verschüttet oder weggeworfen.» Die flüssigen Nebenprodukte aus der Produktion gehen in die Schweinemast.

Auch Unperfektes verwenden

Leider landen auch Lebensmittel in der Tonne, noch bevor sie in den Läden waren. Weil sie nicht der Norm entsprechen. Handel und Konsumenten wollen eben oft nur «perfektes» Gemüse und Früchte. Hier setzt u.a. Coop mit der Eigenmarke «Ünique» an. Damit bietet Coop bereits seit 2013 Früchte und Gemüse an, die aus der Norm fallen und mitunter ungewöhnlich geformt, klein oder übergross sind. Mit diesem Angebot rette Coop gemeinsam mit den Produzenten jährlich über 1530 Tonnen Früchte und Gemüse.

Grosse Nachfrage an der Grütstrasse 101 in Gossau ZH, wo Übriggebliebenes gratis abgegeben wird. Bild: zvg

Gossauerin aktiv gegen Foodwaste

Eine, die das Verschwenden von Lebensmitteln so richtig wütend macht, ist Karin Juling Hauser aus Gossau ZH. Mitten im Krieg geboren, kennt sie Hunger noch. So holt die bald 79-jährige drei Mal pro Woche nicht mehr verkäufliche Lebensmittel bei einem Händler in der Region ab und bringt sie nach Gossau. Etwas davon nimmt sie für ihre Tiere auf der Lamafarm, alles andere stellt sie montags, mittwochs und freitags ab ca. 10.30 Uhr an der Grütstrasse 101 direkt an der Strasse hin, von wo es die Leute abholen können. Ausser Fleisch, das nimmt sie zum Einfrieren nach Hause und gibt es auf telefonische Anfrage unter 079 419 58 64 ab.

Ältere Menschen, die nicht mobil oder nicht mehr gut zu Fuss sind, beliefert sie sogar gemeinsam mit einem freiwilligen Fahrer. Die Dankbarkeit sei gross, so Juling. «Es sind aber nicht nur Ältere, auch Familien kommen regelmässig». Neulich sei eine junge Mutter mit ihrem Baby vorbeigekommen. Sie seien grad etwas knapp bei Kasse und froh um die gratis Lebensmittel.

Es kämen aber nicht nur Leute, die knapp bei Kasse sind. «Da fahren auch regelmässig SUVs vor». Doch letztendlich sei ihr egal, wer die Lebensmittel abhole. «Hauptsache es findet noch Verwendung.» Nur wenn die Leute fast schon gierig in die Kisten greifen und drängeln, bevor sie alles ausgeladen hat, mache ihr das manchmal Mühe.

Foodwaste verhindern beginnt beim Einkaufen

Foodwaste verhindern können also vor allem wir Konsumenten selbst. Denn die Beschaffung und Verwertung bei den Händlern können noch so ausgefeilt sein. Letztendlich bestellen oder produzieren sie das, was gekauft wird. Wenn Herr und Frau Schweizer jedes Jahr 330 Kilogramm Lebensmittel im Wert von über 600 Franken wegschmeissen, liegt der Hund vor allem dort begraben. Grund genug, sein eigenes Konsumverhalten zu überdenken.

Quellenangabe Kennzahlen: Bundesamt für Statistik, WWF Schweiz

Tipps zur Vermeidung von Foodwaste

  • Plane jeden Einkauf anhand von Rezepten und berechne die benötigte Menge.
  • Lagere Lebensmittel so, dass ihre Haltbarkeit möglichst lange gewährleistet ist.
  • Behalte die Haltbarkeit von Produkten im Auge, auch von Vorräten, und überlege dir entsprechende Menüs.
  • Schöpf nur so viel, wie du essen magst. Was im Teller übrig bleibt, wirft man eher weg.
  • Widme einen Tag in der Woche dem «Restenessen».
  • Übriggebliebenes Brot in Scheiben schneiden und einfrieren. Am Vorabend die benötigte Menge, z.B. für den
    Schul-Znüni, rausnehmen.
  • Thema Foodwaste in der Familie, im Kindergarten oder in der Schule ansprechen. Unterrichtsmaterial z.B. auf swissmilk.ch

Spannende Links zum Thema:

madamefrigo.ch / nachhaltigleben.ch / sge-ssn.ch / savefood.ch / swiss-food.ch / taten-statt-worte.ch / toogoodtogo.ch

Barbara Tudor