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Rüti ZH
04.10.2022
05.10.2022 00:01 Uhr

«Meine ganze Karriere ist ein Wunder»

Jörg Reichlin in seinem Atelier im selbst umgebauten im Haus in Rüti. Bild: Martina Gradmann
Er ist Schauspieler, Sprecher, Texter und Regisseur und kann auf eine unglaubliche Karriere zurückblicken. Jetzt zeigt Jörg Reichlin sein neustes Werk «Am Rande der Zeiten» auch an seinem Wohnort in Rüti. Am 8. Oktober 2022 wird sein Film im Löwen präsentiert.

Er hat in über 75 Filmen mitgewirkt, stand unzählige Male auf der Bühne, hat hunderte von Auszeichnungen bekommen und ist ein eifriger Schreiber von Drehbüchern für Schauspiel und Musicals. Doch dass sein neustes Werk, der Film «Am Rande der Zeiten» nach einer fulminanten Première in Zürich, jetzt auch an seinem Wohnort in Rüti gezeigt wird, freut Jörg Reichlin besonders. «Es kennen mich ja längst nicht alle in Rüti und jetzt soll ich auch noch eine Auszeichnung der Gemeinde bekommen», schmunzelt der bekannte Schauspieler und Regisseur. Zu grosse Aufmerksamkeit sei eigentlich nicht so seine Sache, er sei eher ein scheuer Mensch und komme erst in seinen Rollen im Film und auf der Bühne aus sich heraus.

Flucht in den Schrebergarten

Sein Film, den er gemeinsam mit dem Kameramann Hans Schellenberg gedreht hat, handelt vom Frankfurter Dichter Wolfgang Hanebrecht, der nach Zürich in einen Schrebergarten flüchtet. Dort hofft er, seine Schreibblockade zu überwinden und den frühen Tod seiner Frau zu verarbeiten. Doch die Schatten der Vergangenheit holen ihn ein, sein Romanentwurf landet im Feuer. «Ursprünglich wollte ich einen Film über die Exil-Literaten machen, die sich während der Kriegsjahre in Zürich aufhielten», sagt Reichlin. Das wäre dann allerdings ein Dokumentarfilm geworden und das sei nicht sein Metier.

Dichter Wolfgang Hanebrecht (Jörg Reichlin) versucht in einem Schrebergarten seine Schreibblockade zu überwinden. Bild: Mirko Reichlin / Am Rande der Zeiten
«Einen Dokumentarfilm wollte ich nicht machen, das liegt mir nicht.»
Jörg Reichlin, Regisseur "Am Rande der Zeiten"

Von der Not der Dichter

Die Mühen des schöpferischen Schaffens in eine Geschichte zu verpacken, sei ihm dagegen leichtgefallen. Sein ganzes Leben habe er im künstlerischen Bereich gearbeitet.

Im Film landet der eigenwillige Dichter Wolfgang Hanebrecht nach einer Reihe verhängnisvoller Ereignisse unter der Brücke bei Pennern, und nur seine kreative Kraft und die Liebe zu seiner Tochter retten ihn davor, seinem Leben ein Ende zu setzen.

Reichlin hat den Film nicht nur gekonnt inszeniert, er verkörpert darin auch selbst die Hauptrolle und zeigt tiefgründig und mit einem Hauch von Melancholie den ständigen Kampf eines Dichters zwischen der Freiheit der Poesie und der ökonomischen Notwendigkeit.

Reichlin weiss aus eigener Erfahrung, was das heisst. Geboren in Saas Fee, mit Umwegen über Glarus, ist er in Embrach aufgewachsen und 1969 nach Zürich gekommen.

Hahnebrecht (Jörg Reichlin) landet auf der Strasse und weiss nicht, wie es weiter gehen soll. Bild: Mirko Reichlin / Am Rande der Zeiten

Schauspiel vor dem Filme machen

Er studierte Germanistik, Psychologie und Theaterwissenschaften, wollte aber eigentlich Filme machen. «Ich meldete mich an der Filmakademie in München an, doch diese nahmen wegen der damaligen Unruhen keine Studenten auf», erzählt der Regisseur.

Er wurde in Zürich ins Bühnenstudio (heute Schauspiel-Akademie) aufgenommen und bestand auch die Aufnahmeprüfung für die Regie- und Filmklasse. «Der damalige Direktor und bekannte Theaterleiter Felix Rellstab riet mir allerdings, beim Schauspiel zu bleiben, er sehe da eine grosse Kariere, Filme könne ich dann noch später machen», erzählt Reichlin.

Die Familie geht vor

Der heute 73-Jährige hat denn auch in unzähligen Filmen und Theaterstücken mitgespielt, daneben Dramen und Musicals geschrieben, die er meist auch inszenierte.

«Meine ganze Karriere ist ein Wunder», sagt er heute, denn er habe auch als Vater von vier Kindern immer seinen Beruf ausüben können, auch wenn er aus ökonomischer Notwenigkeit immer wieder Festengagements angenommen habe.

«Die Familie kam an erster Stelle, sie war mir wichtiger als mein Beruf», sagt der heutige Grossvater. Mit eben dieser Familie sei er von Zürich auf die ‚Schwantlen’ auf dem Ricken gezogen und später über Lütschbach nach Rüti gekommen. Dort hat er sich ein Haus mit zwei angebauten Flarzhäusern gekauft und umgebaut.

«Wäre ich nicht Schauspieler geworden, wäre ich heute wohl Architekt, Handwerker oder Bauer.»
Jörg Reichlin, Regisseur und Schauspieler

Einmal noch den König Lear

Eben arbeitet er an Kurzgeschichten aus seiner Kindheit, nachdem er im Corona Lockdown seine lustigsten und verrücktesten Theater- und Filmerlebnisse für seine Frau Priska, die Kinder, die Enkelkinder und alle, die kurzweilige Geschichten mögen, aufgeschrieben hat.

Ein Film brennt ihm noch unter den Fingern, den er gerne machen möchte. Und wer weiss, vielleicht spiele er noch den König Lear, «eine der grossartigsten Rollen überhaupt», wie es Reichlin ausdrückt.

«Am Rande der Zeiten» wird am Samstag, 8. Oktober 2022 um 20 Uhr im Löwen-Saal in Rüti ZH gezeigt. Der Film von Jörg Reichlin wurde im In- und Ausland mehrfach prämiert und ausgezeichnet.

Infos: www.am-rande-der-zeiten.ch / www.joerg-reichlin.ch
           

 

Martina Gradmann