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Kultur
21.12.2021

«Das verschluckte Tal»: Ein Roman über den Verlust der Heimat

Eine versunkene Welt: der Blick über den heutigen Siehlsee. Bild: zvg
Ein junger Einsiedler gibt seine Maturaarbeit als Buch heraus: Pascal Zehnder wagt sich an einen Roman rund um die Entstehung des Sihl-Stausees. Sein Werk ist im November im Wangner Antium-Verlag erschienen.

Wir schreiben das Jahr 1937. Die Überflutung des Sihltals bei Einsiedeln steht kurz bevor. Haus und Hof der Familie Zehnder werden bald von den Fluten des neuen Sihl-Stausees verschluckt werden – wie 355 weitere Häuser. Oskar Zehnder, der Protagonist von Pascal Zehnders Erstlingswerk «Das verschluckte Tal», hadert mit dem bevorstehenden Verlust der Heimat. Seine Eltern beschliessen, keinen Neubeginn in der Umgebung zu wagen und stattdessen in die USA auszuwandern. Oskar zieht sich daraufhin immer mehr zurück, brüskiert damit sogar seinen besten Freund Lukas. Um sich von seinem Kummer abzulenken, steigt er auf die umliegenden Hügel und Berge, sucht Trost in der Stille der Natur.

Auseinandersetzung mit der Sprachlosigkeit

Der diesen November im Antium-Verlag erschienene Roman ist eine Auseinandersetzung mit der Sprach­losigkeit im Angesicht des unaufhaltsamen Untergangs einer vertrauten und geliebten Welt. Daneben ist es auch eine Geschichte über die erste grosse Liebe und den Wert von Freundschaft.

Das Menschliche im Zentrum

Es ist kein Sachbuch über das Stauseeprojekt zur Stromgewinnung. Im Zentrum steht das Menschliche und nicht das Technische. «Ich habe versucht, mich in die Menschen hineinzuversetzen, die bald ihre Heimat verlieren», führt Pascal Zehnder im Gespräch mit dieser Zeitung aus. Bereits als Kind sei er vom Gedanken fasziniert gewesen, dass dort unten im See immer noch Häuser stehen, die einst bewohnt gewesen waren. «Wenn der Wasserstand tief liegt, sieht man noch die alte Strasse», fügt der 20-Jährige an. Sein Buch hat er auch gegen das Vergessen geschrieben. «Sogar meine Grosseltern kannten nur den See», so der Jung­autor, der aus einer alteingesessenen Einsiedler Familie stammt. Die Welt davor entschwinde immer mehr aus der kollektiven Erinnerung. So hat er seiner Fantasie freien Lauf gelassen und diese Geschichte zu Papier gebracht – als Maturaarbeit an der Kantonsschule Ausserschwyz in Pfäffikon.

Pascal Zehnder Bild: Franziska Kohler

«Die Abgabefrist hat sicher geholfen»

«Bereits von klein auf habe ich Geschichten geschrieben», erzählt Zehnder. Das Konzept der Maturaarbeit sei sehr weit gefasst. Es sei praktisch alles möglich. Darum habe er sich entschieden, etwas Kreatives zu machen. Begleitend zu seinem Roman hat er den Schreibprozess und seine Überlegungen dazu dokumentiert. Er weiss nicht, ob er seine Geschichte auch so zu Ende gebracht hätte. «Die Abgabefrist hat sicher geholfen», fügt er mit einem Schmunzeln an. «Es war eine gute Gelegenheit, sich an so etwas zu wagen.»

Persönliche Bezüge

Zwar ist die Geschichte nicht autobiografisch, hat aber laut Pascal Zehnder einige persönliche Bezüge. Wie sein Protagonist Oskar neige auch er zu Tagträumereien. «Im Gegensatz zu ihm fiel mir aber das Lernen in der Schule leicht», ergänzt er und sagt mit einem Augenzwinkern: «Ich schaute nicht den ganzen Tag zum Fenster hinaus.» Wie Oskar liebt Pascal Zehnder das Wandern, Klettern und Verweilen in der freien Natur. Oskars grosse Liebe Leni, sein bester Freund Lukas, der Schulrowdy Martin und der Lehrer, Herr Kälin, hingegen sind frei erfunden. Einzig das Haus im Birchli, wo Oskars Freund Lukas wohnt, und den «Gaden», den die beiden bauen, gibt es wirklich. Im Birchli wohnt ein Freund von Pascal Zehnder. Das Haus habe schon vor dem See dagestanden. «Und auch den Gaden findet man, wenn man möchte.»

Alte Fotografien als Inspirationsquelle

Informationen zum Schulunterricht vergangener Zeiten erhielt Zehnder von seinen Grosseltern. «Die Tatzen, Hiebe auf die Finger zur Bestrafung, waren lange gang und gäbe», erklärt Zehnder. Inspirationen zum versunkenen Sihltal und dem Bau des Viadukts bei Willerzell holte er sich von alten Fotografien aus dem Klosterarchiv. Diese hat Pascal Zehnder dem Buch hinzugefügt und mit eigenen Aufnahmen der heutigen Landschaft ergänzt.

Lehrer regte Publikation an

An der Maturaarbeit arbeitete er von Januar bis August 2020. Es habe Wochen gegeben, da schrieb er in drei Stunden nur drei Sätze – an anderen Tagen schaffte er in derselben Zeit zwei Seiten. Am Ende vollendete er rund 50 A4-Seiten. «Man unterschätzt die Arbeit an einem solchen Projekt», räumt Pascal Zehnder ein. Später wurde daraus ein 120-seitiges Buch. «Ich habe ein Paar Passagen überarbeitet», so Zehnder. «Ich wollte aber auch nicht alles neu schreiben.» An Ideen hätte es nicht gemangelt. Ein Buch sei eigentlich nie fertig.

Die Idee, seine Maturaarbeit als Buch zu publizieren, stammte von seinem betreuenden Klassenlehrer Beat Hüppin. Der Wangner hatte selbst vor rund fünf Jahren einen Roman geschrieben, «Talwasser», der sich um den Bau des Staudamms im Wägital rankt.

Thematische Ähnlichkeit ist zufällig

Von der Ähnlichkeit zu Hüppins Roman hat Pascal Zehnder erst erfahren, als er mitten im Schreibprozess war. «Einen Moment lang habe ich überlegt, etwas anderes zu machen», erklärt der Jungautor. Da es seine eigene Idee war und die Parallelen nicht sehr gross, habe er sich entschlossen, das Werk zu Ende zu bringen. Eine Fortsetzung sei noch nicht geplant. Zuerst möchte Pascal Zehnder schauen, wie sein Werk bei der Leserschaft ankommt. Er hätte aber Lust, einen Krimi zu schreiben. Mit Einsiedeln als Basis. «Er könnte zum Beispiel an der Fasnacht spielen", so Zehnder. Aber das sei noch alles offen.

Franziska Kohler, Redaktion March 24 und Höfe 24